06 August 2006

Wiederaufnahme

Ich muß, möchte und will mich an dieser Stelle bei Allen, den Lesern dieses Blogs, den Überlebenden und den Lebensgefährten, entschuldigen; entschuldigen dafür, daß ich vor genau 16 Monaten diesen Blog begann und eröffnete, diesen dann aber eine so lange Zeit nicht weiter bearbeitete.

Zwar kam das nicht aus oder mit Absicht, wegen Unlust oder fehlendem Interesse, sondern vor Allem aus vielerlei gearteten wirtschaftlichen Gründen, dennoch ist es so, daß mir an dem was ich hier eigentlich vor hatte und habe und ich in meinem ersten Artikel auch ankündigte sehr viel liegt.

Sehr oft habe ich darüber nachgedacht, daß ich die hier eingestellten Artikel nicht zwischen Tür und Angel schreiben möchte, da das zu Grunde liegende Thema einfach viel zu wichtig, emotionsgeladen und umfassend ist; allerdings ist mir bei diesem darüber nachdenken und beschließen, daß die wenige aktuell gerade zur Verfügung stehende Zeit nicht ausreicht auch aufgefallen, daß eben die verstreichende Zeit immer mehr wird.

Viele Dinge sind inzwischen geschehen, gerade auch in Bezug und Umfeld meiner Lebensgefährtin und mir, die damit also auch mit dem hier zu Grunde liegenden Thema in Zusammenhang stehen. Viele Dinge haben sich inzwischen verändert.

Ich weiß nun, daß ich auch mit wenig Zeit auch zwischen Tür und Angel geschriebene Artikel hätte hier einstellen sollen; bezogen auf die der jeweiligen Situation zu Grunde liegenden Gefühle sogar hätte müssen.

So habe ich mich eigentlich mit dem Ansinnen es besonders gut machen zu wollen von meinem eigenen Vorhaben abgewendet, denn die zwar mit mehr Zeit und damit Konzentration geschriebenen Artikel, die aber der eigentlich zu Grunde liegenden Situation gegenüber wesentlich später geschrieben würden, haben ja bezüglich ihrer dokumentierten Emotionen nicht mehr viel mit der eigentlichen Situation und meinen Gedanken in eben dieser Situation zu tun; genau darum sollte es ja aber hier eigentlich gehen.

Ich hoffe, daß ich es nun und in Zukunft schaffen werde, mein eigentliches Vorhaben hier auch umzusetzen, fortzuführen und wieder aufzunehmen.

Dieser Blog hier ist keine, weitere Leiche im Internet; dieser Blog hatte nur gerade eine, wenn auch (leider) sehr lange, Pause.

An alle Leser:

Scheut Euch nicht Euch hier zu beteiligen. Sendet mir Eure Kommentare, Gedankenanregungen und was auch immer und helft mit, daß dieses Thema, beide Seiten, Überlebende und Lebensgefährten, vor Allem der Mißbrauch selbst, immer weiter und wieder in die Öffentlichkeit getragen und gebracht wird.

Ich möchte an dieser Stelle auch einen herzlichen Dank an die Verfasserin dieses Kommentars aussprechen. Nein, Du brauchst Dich für die Verwendung von Ironie oder Zynismus in Deinen Erzählungen nicht zu schämen. Auch ich als Lebensgefährte habe eine zeitlang in den Gesprächen mit meiner Freundin Ironie und Zynik verwendet, weil ich meinen Hass auf den Täter und die Taten so am besten zum Ausdruck bringen konnte.

Allerdings gebe ich auch offen zu, daß wenn meine Freundin dies tat, gerade am Anfang der Offenbarung, ich mich stellvertretend für Sie sehr verletzt gefühlt habe, da es dann klingt wie "Pah, dann ist das halt so passiert; was ist schon dabei?!".

Euer SichtHabender.

07 April 2005

Einweihung

"Sexueller Missbrauch kann von den Opfern so stark verdrängt werden, daß er wirklich völlig "vergessen" sein kann. Mögliche Hinweise kann es dann durch Träume, besondere Probleme in der Schwangerschaft, unerklärliche Krankheiten oder seltsame Verhaltensweise geben."

Dieser Blog widmet sich dem Thema "Sexueller Mißbrauch an Schutzbefohlenen"; allerdings nicht direkt den Opfern, im Fachjargon und unter sich als Überlebende bezeichnet.

Es gibt eine Gruppe von Menschen, die die Vergangenheit von Überlebenden vielleicht viel mehr trifft, beschäftigt und vor Allem beeinflusst: die Lebensgefährten der Überlebenden.

Das soll um Gottes Willen nicht heißen, daß die Vergangenheit, das Erlebte, der Überlebenden in irgendeiner Form herunterzuspielen wäre, diese nicht verletzt haben könnte oder irgendetwas anderes in dieser Richtung. Es gibt nichts, was die entstandenen (seelischen und teilweise geistigen) Wunden bei Überlebenden jemals wieder heilen könnte.

Während jedoch die Überlebenden in ihrer Vergangenheit das Verdrängen und Vergessen, das Verstecken und Lügen um zu verstecken anerzogen und antrainiert bekommen haben, fehlt dieser Verteidigungsmechanismus des menschlichen Geistes bei den Lebensgefährten entweder völlig oder aber ist zumindest nicht derart ausgebildet.

Es ist nun schon einige Zeit her, daß meine Lebensgefährtin sich mir gegenüber öffnete und mir ihre Vergangenheit und damit den Mißbrauch durch ihren Stiefvater offenbarte.

Allerdings kann ich mich noch an jeden Satz, jedes Wort und jede Silbe erinnern, wie wir miteinander sprachen, als sie mir ihre Vergangenheit offenbarte. Da mir halt dieser Verteidigungsmechanismus fehlt und ich sie aber auch von ganzem Herzen liebe, brachen diese Erzählungen und Erkenntnisse über mich herein wie eine Naturkatastrophe.

Absolute Verzweiflung darüber, daß ich ihr ihre Vergangenheit und das Erlebte nicht lindern konnte, daß ihr die vielen für eine glückliche Jugend fehlenden Dinge nicht wiedergeben konnte, absolute Wut und tiefer Hass auf den Täter, seine Taten und sein Verhalten, absolute Verzweiflung und eine absolut tiefe Traurigkeit lähmten mich fortan für Monate.

Hunderte von Bildern verfolgten mich Tag und Nacht, Situationen und Menschen brachten mich immer und immer wieder mit meinen Gedanken zu diesem Thema. Sie verstand es nicht, denn sie hatte es ja jahrelang verdrängt und zu verdrängen gelernt.

Leider war ich der erste, dem sie es erzählt und offenbart hat. Der Mißbrauch ist bis heute nicht aufgedeckt, der Täter lebt immer noch in der Familie. Ich mußte ihr versprechen, mit niemandem darüber zu reden.

Das heißt, daß ich mich seit der Offenbarung auch immer und immer wieder mit dem Thema beschäftige, ob ich etwas hätte unternehmen sollen oder nicht (oder ob ich jetzt noch etwas unternehmen soll.).

Niemand bereitet einen auf solch eine Situation vor.

Inzwischen habe ich gelernt, mit diesem Wissen umzugehen. Der Bilder kommen nur noch manchmal, die Träume gar nicht mehr. Aber mir ist inzwischen klar geworden, daß ich in dieser Situation bei weitem nicht der Einzige bin.

Nochmal, ich will hier in keiner Form das Schicksal der Überlebenden in Frage stellen, herunterspielen oder ähnliches. Nichts dürfte schlimmer sein, wie etwas derartiges erlebt haben zu müssen.

Aber ich denke, daß es eine Menge Menschen gibt, die an der Situation in der ihnen so etwas offenbart wird, zerbrechnen oder zu Grunde gehen könnten, wenn sie mit ihrer Verzweiflung allein sind.

Und das sind wir, allein. Wir müssen versprechen, mit niemandem über das Erfahrene zu reden. Wir können aber auch nicht mit der Überlebenden darüber reden.

Daher habe ich mich entschlossen, meine Erfahrungen, meine Geschichte mit meiner Lebensgefährtin und ihrer Vergangenheit, hier innerhalb eines Blog zu veröffentlichen, damit es vielleicht anderen in meiner Situation hilft, nicht den Mut zu verlieren, nicht zu verzweifeln und vor Allem aber, nicht aufzugeben.

Zum Schluß aber noch ein paar Worte an...

...die Überlebenden:

Wenn Ihr das hier lest, lasst Euch von den Gefühlen, die ich hier schildere und die Euren Lebensgefährten bei einer Offenbarung Eurerseits eventuell auch drohen auf gar keinen Fall abhalten. Euer Lebensgefährte wird nur vollständig auf Euch eingehen können und Ihr werdet nur dann die Art und Form von Liebe und Beziehung, wie sie Ihr Euch schon immer gewünscht habt, erfahren und erhalten können, wenn Ihr Eurem Lebensgefährten Eure Vergangenheit offenbart.

Und noch etwas: Ihr seid an keinem einzigen Stück oder Teil Eurer Vergangenheit selbst Schuld.

...die Lebensgefährten:

Wenn Euch so etwas offenbart wird,

  • lasst Euch die Schmerzen nach Möglichkeit nicht anmerken,
  • macht das Gehörte nicht zum Hauptthema Eurer Beziehung,
  • redet nur dann über das Thema, wenn es sich aus der Situation her ergeben muß oder das Thema auf den Tisch gebracht wird.

Und noch etwas: Wundert Euch nicht, daß die Überlebenden das Thema nicht zu berühren scheint. Wie schon gesagt, sie haben das Verdrängen und Vergessen perfektionieren müssen.

...Alle:

Für meine Lebensgefährtin, also eine Überlebende, ist es zu spät; für alle, die sich in der Thematik dieses Blog befinden, ist es zu spät.

Helft mit, daß es nicht mehr passiert. Wenn Ihr irgendwelche Hinweise oder Verdachtsmomente auf einen drohenden oder gar schon statt findenden Mißbrauch habt, mischt Euch ein, hakt nach, sprecht es aus.

Wenn Ihr selbst es seid, die mißbraucht werden, sprecht mit jemandem, sofort. Schaut nicht im Fernsehen den Talkshows zu und denkt: "Hey, das ist wie bei uns." Denkt nicht darüber nach, ob Ihr aufstehen solltest oder nicht. Tut es! Niemand, absolut niemand hat die Macht oder das Recht zu so etwas zu zwingen.

Euer SichtHabender.